Novicos entsteht! - Oder: 3-Tages-Camp: Ein Bericht

Wer oder was ist ein „Novicos“? Kann man das essen, und wenn nein, wozu ist es dann überhaupt gut?

Das war in etwa einer der Gedanken von 30 Jugendlichen, die Anfang Oktober auf einer Wiese im Hochschwarzwald mit dem ersten „Novicos“-Camp den Startschuss für ein neues Projekt gaben, das Projekt „Novicos“.

Wer im beginnenden Herbst auf einer Schwarzwälder Wiese bei Hinterzarten auf rund 1000 m über dem Meeresspiegel campen will muss sich auf einiges gefasst machen was passieren kann, beispielsweise auf nasse Klamotten, Essen im Nieselregen oder durchfrorene Nächte. Auf der anderen Seite haben aber alle, die das in Kauf genommen haben, auch einzigartiges erlebt: Wabernder weißer Morgennebel, der aus dem Tal den Berg hinaufkriecht und von der Sonne aufgeschleckt wird, vom Tau glitzernde und dampfende, herbstlich gefärbte Wälder und Wiesen, einen schönen Blick auf den Feldberg unter blauem Himmel, ein Kochfeuer mit einem großen Topf heißer Suppe für die heimgekehrten Wanderer, Gitarren und Lieder am abendlichen Lagerfeuer. 

Doch was war überhaupt der Anfang, wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Zeltlager?

Es beginnt alles in den Köpfen von fünf jungen Menschen, die eine Vision haben: Gemeinsam Natur erleben. Um die Vision von der eigenen Organisation „Novicos“ umsetzen zu können braucht es Menschen, viele Menschen mit guten Ideen, Spaß am Abenteuer und an der Natur. Also schreibt man kurzerhand eine Einladung an jedermann und trifft sich dann am Samstag Morgen am Stuttgarter Hauptbahnhof zur gemeinsamen Fahrt in den Schwarzwald. Dreißig unter großen Rucksäcken schwankende Jugendliche steigen dann im Rudel in den Zug, belegen das Fahrradabteil und treffen einige Stunden später am Hinterzartener Bahnhof ein. Schnell die schweren Gepäckstücke in das wartende Auto gepackt und los geht’s, einfach mal den Berg hoch. Vorbei an schindelgedeckten Fachwerk-Bauernhöfen, weidenden Kälbchen und unter den ersten fallenden Blättern durch stapft die versammelte Mannschaft bis zum gemeinsamen Lagerplatz oberhalb des Mathislehofs. Von weitem schon riecht man das Feuer, Essen ist fertig! Die Tradition vorangegangener gemeinsamer Zeltlager verlangt Nudeln mit Tomatensoße als Ankunftsgericht, und prompt greift man ordentlich zu.

Als Nächstes: Nachschub sichern! Feuer ist hier oben unsere einzige selbst kontrollierte unendliche Energiequelle, und das gibt es nur mit Holz! In Gruppenarbeit werden Äste und Stämme aus dem Wald gezogen, zerkleinert und aufgeschichtet, für heißes Essen und warme Abende ist nun gesorgt.

Ein wenig gemahnt von den grauen Wolkenbergen, die sich über dem Feldberg schon marschbereit machen und drohend auf Hinterzarten blicken, wird in Windeseile ein perfekter (!) Kreis aus kleinen, bunten Zelten geformt und alles festgezurrt, verstaut und eingerichtet. Auf dem nun entstandenen „Dorfplatz“ in der Mitte wird sich nun versammelt, kennenlernen ist angesagt! Per Ballspiel plus Frisbee (erhöhter Schwierigkeitsgrad) werden schnell alle Namen gelernt und die kalten Zehen gewärmt, denn mittlerweile hat es zugezogen, erste sprühende Nässe weht über die Wiese. Nichtsdestotrotz trifft man sich zum ersten „Briefing“: Was erwartet uns in den nächsten Stunden und Tagen? Was wollen wir, dass uns erwartet? Die Idee von „Novicos“ setzt sich nun in die Köpfe und arbeitet, das Camp hat soeben seinen zentralen Sinn verliehen bekommen.

In die allgemein aufkommende Schlechtwetterlaune hinein fällt der Vorschlag zum gemeinsamen Spaziergang, Destination: Mathisleweiher! Mit Regenjacken und Kapuzen bewaffnet geht es durch den grauen Niesel Richtung See. Der nasse, moosige Tannenwald begleitet die Gruppe den ganzen Weg entlang, über Steine, Wurzeln, Tannennadeln und Farn hin zum schwarzen, von herbstlich lodernden, orangefarbenen Bäumen gesäumten Hochmoorsee. Die glatte Oberfläche wird vom nun dichter fallenden Regen aufgewühlt und die bunten Spiegelungen auf dem Wasser verschwimmen zum Gemälde. Nach kurzem Verweilen geht es auf den Rückweg, Abendessen wartet!

Das wird dann im halbdunklen, von Petroleumlampen spärlich ausgeleuchteten Gruppenzelt abgehalten, trotz unluxuriöser Umstände ist der Appetit an der frischen Luft riesig und die Brotscheiben werden zu Hauf gestapelt: erst auf dem Teller, dann im Bauch.

Im früh hereingebrochenen Altweibersommer-Nachtdunkel leuchtet das abendliche Lagerfeuer umso heller. Alle sitzen oder stehen eingemummelt und aneinander gekuschelt an den Flammen und singen, zwei Gitarren, knisterndes Feuer und das Rauschen des Waldes begleiten altbekannte und auch ganz neue Fahrtenlieder, die Stimmen sind noch eingerostet, aber sie tauen langsam auf.

Nach einiger Zeit löst sich die Runde auf, man schlurft nacheinander zum Zahnputz-Wasserkanister und in den Schlafsack, die Nacht legt endgültig ihr Schweigen auf die neu belebte, einsame Wiese am Waldrand über Hinterzarten.

Am nächsten Morgen schälen sich dreißig Jugendliche aus ihren Schlafsäcken und Decken, öffnen das Zelt – und blinzeln in die Sonne! Man meint es gut mit uns, Müsli und Brot werden diesmal im Freien eingenommen. Die Zeichen stehen auf Aufbruch, an diesem Tag soll der Feldberg erklommen werden! Alle packen ihre Regenkleidung, Flaschen oder ein Kartenspiel ein und direkt nach dem Frühstück geht es los Richtung Feldsee. Mit uns mit wandert ein Stockbrotteig (ja, er scheint tatsächlich lebendig zu sein), der in den letzten Stunden vor seinem Ableben nochmal aufbegehrt – als ob Wachsen ihm jetzt noch helfen könnte!

Laune, Gemüter und Himmel sind sonnig, der unter anderen Umständen quälend lange Weg wird in wenigen Stunden zurückgelegt. Zahllose labyrinthisch angelegte Waldwege, kryptische Wegweiser und mangelhaftes Erinnerungsvermögen versuchen aktiv, uns am Ankommen zu hindern, doch durch interessante Gespräche und die zauberhafte Natur bleibt der Frust auf der Strecke, zumal wir unser Ziel absolut in der Zeit erreichen. 

Auch hier, am Feldsee, werden Äste zusammengetragen und ein Feuer aufgeschichtet; es ist eben das Ankunftsritual bei jedem Lagern auf einer solchen Fahrt. Der Stockbrotteig vollzieht seine letzten Zuckungen und lässt sich widerstandslos essen, die Würste sind schon tot und können sich ebenso wenig wehren. Damit steht unserem Mittagessen nichts im Wege, bald schon verbreitet die typische Zeltlager-Kombination aus Feuer, Essensgeruch, Lachen, verschwitzten Klamotten, Gitarre und vielen Jugendlichen ihren Charme am von Sonntagsspaziergängern invasiv vereinnahmten Feldsee.

Die Mittagsrast wird mit einem Gruppenfoto beendet, weiter geht's nun Richtung Gipfel. Die ersten Meter gehen vorbei wie im Flug, besonders mit der Aussicht auf eine anständige Toilette im Gasthaus an der Seilbahnstation. Die serpentinenförmigen schmalen Waldwege sind bedeckt mit braunem Laub, welches jeden Schritt mit einem lauten Rascheln begleitete, der Weg durchzogen vom grauschwarzen Schwarzwaldgranit. Mit dem letzten steilen Anstieg ab dem Gasthof wird der Gipfelsturm erfolgreich zu Ende gebracht, ab dem Bismarckturm sind es nur noch einige Meter flach bis zum höchsten Punkt der ganzen Region. Die Aussicht ist zwar nicht einwandfrei, doch man entdeckt den Titisee und hat ein 360-Grad-Panorama über den Fichten.

Die obligatorische Schokoladenrunde auf dem Gipfel würde sogar einem Blinden klarmachen, dass das Ziel erreicht ist, der Erfolg wird auf allen Sinnesebenen spürbar. 

Um die wandermüden Glieder einmal zu schwingen, wird kurzerhand ein schneller Volkstanz abgehalten, dann die Rucksäcke wieder auf und runter geht’s! Der Rückweg gestaltet sich ebenfalls klassisch, denn obwohl die Strecke bekannt und die Lust auf heiße Suppe im Camp groß ist, scheint es irgendwie total hip zu sein, sich zu verlaufen... wie immer. Weil man sich so gern verläuft, trifft man auch erst im Dunkel ein, das ist aber angesichts des Abendessens nicht schlimm.

Fleißige Bienchen haben Kürbissuppe gekocht, welche sich bei der eben herrschenden Küchensituation zwar als Geschmackswunder, aber nicht als optisch ästhetische Weltklasse präsentiert. Insofern wärmt einfach die heiße Suppe und der Ingwer den Magen von Innen, während die aufgedrehten, weil müden Jugendlichen das Abendessen zur Party machen. Prädikat: Wir sind nicht geeignet für Dunkelrestaurants!

Das klassische abendliche Lagerfeuer wird natürlich trotzdem abgehalten und auch gut besucht, die Gitarren schweigen auch lange nach Ende der Runde nicht, weil einige noch am Feuer ausharren, bis die letzte Glut in sich zusammenfällt und der Wind nun seine Domäne zurückholt, allen in die Knochen beißt. Das letzte „zzziip“ der Schlafsäcke beschließt den Tag und übergibt die Herrschaft über den Waldrand für die nächsten Stunden wieder der Natur.

Der Abschiedstag führt sich mit bedecktem Himmel ein. Die Stimmung ist ein wenig bedrückt, weil schon wenige Stunden an diesem Ort und mit dieser Gemeinschaft ein unüberwindbares Heimweh verursachen können, wenn man an den Abschied denkt. Trotzdem soll der Tag noch konstruktiv genutzt werden, bis die Bahn mittag fährt:

Das Frühstück, wieder draußen im Tischkreis, startet den Tag und verleiht wieder Motivation. Anschließend trifft man sich – wie an jedem Tag bisher übrigens – zum Spielen auf der freien Wiese. Diverse Arten von Fang-Spielen oder Ball-/Frisbee-Spiele sorgen für die erste Bewegung und den Schwung in den Tag, nicht nur der Puls, sondern auch die Mundwinkel gehen hoch. Nach der sportlichen Einheit wird es inhaltlich: Gedanken und Ideen zu „Novicos“! Ein Rückblick auf das Camp und ein Vorblick auf mögliche oder angedachte Projekte im nächsten Jahr werden in kleinen Gruppen auf Papier festgehalten und anschließend am – immer brennenden – Feuer in der Runde kurz vorgestellt.

Die Zelte sind mittlerweile von der Luft getrocknet und alle packen zusammen. Nur einige schmale Mulden im Gras zeigen, wo 30 Menschen drei Tage lang gelebt haben. Wir treffen uns ein letztes Mal zur Abschlussrunde. Ein letztes Mal klingen Lieder unter den goldblättrigen Birken, bis wir vielleicht wiederkehren...?

Der Zug in Hinterzarten wartet nicht. Wir laufen wieder in den Ort, verlassen unsere Idylle, unsere eigene Welt und tauchen wieder in die Zivilisation ein. Und das mit voller Wucht, denn wir – und überhaupt alles an uns – riechen nach Lagerfeuer. Die parfümierte Wirklichkeit holt uns damit knallhart ein, wir sie allerdings auch.

Der letzte Abschied in der mittlerweile zerstreuten Runde erfolgt am Startpunkt: Stuttgart Hauptbahnhof. Alle noch einmal drücken und dann geht jeder seinen eigenen Weg. Jedenfalls erstmal... eben bis nächsten Sommer.

 

Florin Collmer